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Der Charme einer städtischen Universität im Herzen Europas

Der Charme einer städtischen Universität im Herzen Europas

Klaus Lichtblau

 

Als ich im Sommer 1991 zum ersten Mal Erfurt besuchte, war ich sofort vom Zauber seiner mittelalterlichen Altstadt angetan. Dieses in Stein gehauene Zeugnis einer großen städtischen Vergangenheit steht nämlich in einem schroffen Gegensatz zur unwiderruflichen Vernichtung des historischen Kerns der Kasseler Innenstadt, die ich tagtäglich vor Augen habe und die in mir immer wieder die melancholische Frage aufwirft, ob es tatsächlich keine Alternative zu dem völlig unhistorischen Wiederaufbau Kassels nach dem Krieg gegeben hat. Jedenfalls verstärkten sich solche Impressionen während meines ersten Besuches der Thüringer Landeshauptstadt und regten mich spontan zu einem Vergleich des völlig unterschiedlichen Schicksals dieser beiden Städte an: Hier das durch die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges und den "Wiederaufbau" nach dem Krieg bis zur Unkenntlichkeit zerstörte Kassel, dort das von den Spuren des Krieges nur unwesentlich gezeichnete und 1991 von den Restaurations- und Modernisierungsmaßnahmen noch weitgehend verschont gebliebene alte Erfurt - größer konnte der Kontrast zwischen zwei ungefähr gleich großen Städten in der Mitte Deutschlands im ersten Jahr der Wiedervereinigung eigentlich nicht sein.

Hinzu kam eine weitere maßgebliche Erfahrung bei meinem ersten Aufenthalt in Erfurt. Da ich meinen Stadtrundgang in der Michaelisstraße begann, war ich sogleich mit jenen alten Gebäuden konfrontiert, die einstmals die Alte Universität beherbergten. Das rekonstruierte Portal des Collegium maius übte dabei einen besonderen Eindruck auf mich aus: Wirkte es doch wie ein Mahnmal, die Tradition der Alten Universität Erfurt nicht zu vergessen, sondern diese unter den nun gegebenen Bedingungen in irgend einer Form wieder zur Geltung zu bringen. Umso überraschter war ich, als ich bei meinem damaligen Rundgang durch Erfurt noch vereinzelt auf Plakate stieß, die an einen noch gar nicht so lange zurückliegenden Kampf um die Erhaltung des Andreasviertels erinnerten, das zu DDR-Zeiten Opfer einer fragwürdigen "Modernisierungsmaßnahme" zu werden drohte und dem nur durch den eindrucksvollen Wiederstand der Erfurter Bürger dieses zweifelhafte Schicksal erspart geblieben ist. Entsprechendes Informationsmaterial des städtischen Fremdenverkehrsamtes machte mich auch erstmals auf jene "Interessengemeinschaft Alte Universität Erfurt e.V." aufmerksam, die sich dann Anfang 1992 in "Gesellschaft zur Förderung der Europäischen Universität Erfurt e.V." umbenannt hatte und der ich zu diesem Zeitpunkt als reguläres Mitglied beitrat. Denn dieser Name stand für ein Programm, von dem ich mich sehr angesprochen gefühlt hatte und das am 9. März 1990 im Aufruf "Für eine Europäische Universität Erfurt" erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt worden ist.

Was war das Neue an diesem Programm und warum hat es mich dermaßen in seinen Bann gezogen, daß ich mich in der Folgezeit selbst aktiv für die Neugründung der Universität Erfurt eingesetzt habe? Neu an diesem Programm, das in der vom Magistrat der Stadt Erfurt am 27. August 1991 verabschiedeten "Denkschrift zur Gründung einer Europäischen Universität Erfurt" weiter konkretisiert worden ist, war vor allem der Versuch, die humanistische und kosmopolitische Tradition der Alten Universität Erfurt zur Grundlage einer städtischen Universitätsneugründung zu machen, die sich bewußt dem europäischen Einigungsprozeß verpflichtet gefühlt hatte. Neu an diesem Projekt war ferner, daß es ursprünglich von einer Bürgerbewegung initiert worden ist und als Beitrag zur geistigen Erneuerung der sich gerade im Umbruch befindenden Länder des ehemaligen Ostblocks gedacht war. Die Universitas litterarum als Keimzelle eines gesamteuropäischen Einigungsprozesses unter bewußter Abstandsnahme von der Vision eines nationalen Sonderwegs, von der manche hofften, daß sie bald wieder im Mittelpunkt der deutschen Politik stehen würde: dies scheint mir der zentrale und auch heute noch beeindruckende Gedanke der damaligen Erfurter Universitätsbewegung gewesen zu sein. Es sei hier ferner hinzugefügt, daß die bereits erwähnte städtische Denkschrift aus guten Gründen ursprünglich eine Stiftung als Träger der neuzugründenden Universität vorschlug. Dieses Stiftungsmodell konnte sich in der Folgezeit jedoch aus verschiedenen Gründen nicht durchsetzen. Sein unbestreitbarer Vorteil gegenüber einer staatlichen Universitätsneugründung war jedoch, daß es die Möglichkeit geboten hätte, "diejenigen Kräfte, die sich teilweise seit Jahrzehnten für die Wiedererrichtung der Universität Erfurt eingesetzt haben, in legitimer Weise an deren Trägerschaft zu beteiligen" (S. 69). Von einer solchen Regelung hätte dann übrigens auch die Erfurter Universitätsgesellschaft profitiert, die in dem vor einiger Zeit gebildeten Kuratorium der neuen Universität leider mit keiner eigenen Stimme vertreten ist.

Gesellschaftliche Aufbruchstimmungen lassen sich nicht auf Dauer in entsprechenden institutionellen Strukturen konservieren oder gar durch diese ersetzen, wenn nicht die maßgeblichen Akteure in diesen Institutionalisierungsprozeß miteinbezogen werden, auch wenn die verantwortlichen Institutionenbauer vom Gegenteil träumen mögen. Eine von oben verordnete Universitätsreform hat gegenüber dem basisdemokratischen Modell der Erzeugung zukunftsweisender Visionen ferner den entscheidenen Nachteil, daß sie erst noch um das werben muß, was anfänglich doch bereits im Übermaß vorhanden gewesen war und vielleicht in die Gegenwart hätte herübergerettet werden können: nämlich eine breite gesellschaftliche Akzeptanz der geplanten Reformen und die Bereitschaft der Bürger, sich für "ihre" Universität immer wieder aufs neue aktiv einzusetzen. Heute konkurriert die Universität Erfurt nicht nur mit zahlreichen anderen staatlichen Hochschulen, die inzwischen ebenfalls die am angelsächsischen Modell orientierten neuen gestuften Studiengänge eingeführt haben, sondern auch mit einer Reihe privater Universitätsneugründungen in Deutschland, deren Praxisnähe zwar nicht unbedingt ein Kennzeichen wissenschaftlicher Relevanz darstellt, aber wenigstens die berufliche Verwertbarkeit des erworbenen akademischen Wissens garantiert. Überdies sind die der Universität Erfurt aus dem Thüringer Landeshaushalt zur Verfügung stehenden Mittel nicht von der Art, daß hier noch nennenswerte Spielräume für aufsehenerregende Neuberufungen gegeben sind. Dieses Diktat der leeren Kassen war vorhersehbar und auch die Kurzaufenthalte der eingeflogenen Prominenz. Hätte es deshalb nicht doch vielleicht eines schonungsvolleren Umgangs mit jener kostbaren Ressource bedurft, die ursprünglich Erfurts Markenzeichen war: nämlich der Bereitschaft zu einer Universitätsneugründung, die sich dem Geist der europäischen Einigung verpflichtet fühlt und deren Visionen vom Erneuerungswillen der vor Ort lebenden Bürger geprägt sind?

 

In: Aribert W.J. Spiegler / Elmar Schmid (Hrsg.), Europäische Universität Erfurt. Dokumente und Reflexionen zur Geschichte einer Bürgerinitiative 1987 bis 1994. Weimar: Rhino Verlag 2002, S. 141-143.

 

geändert am 18. Oktober 2011  E-Mail: Homepage-Pflege FB 03homepage@soz.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 18. Oktober 2011, 13:36
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